Vom Stress einer Juristin und Mutter vor dem Urlaub

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Ich stehe mit meiner zwölfjährigen Tochter vor dem geöffneten Kleiderschrank im Kinderzimmer und blicke auf das bunte Klamottengewimmel. „Aber Du hast doch genug Badeanzüge.“, wage ich zu sagen. Ein wütend vorgetragener Monolog über die aktuellen Ins & Outs ist die Folge.

Meine Gedanken ziehen sich aus der Situation zurück. Hinter geschlossenen Augen scrolle ich durch meine To-Do-Liste für den Familienurlaub, der in zwei Wochen starten soll: Zeitung abbestellen, die Vögel zu Mama bringen, die Nachbarn wegen der Kaninchen und der Blumen fragen…

„Hörst Du mir überhaupt zu?“

Ich öffne die Augen wieder und blicke in ein grimmiges, nicht mehr ganz so kleines Gesicht. Schade, früher war das einfacher. Da hätte sie alles angezogen, was die Mama ausgesucht hat. Aus und vorbei.

„Pass auf“, höre ich mich sagen. „Du hast doch noch den Gutschein von Weihnachten. Am Samstag fahren wir ins Einkaufszentrum und sehen, ob wir etwas Schönes für Dich finden, ja?“

`Und wir kaufen Streu, Heu und Futter für die Kaninchen, Pflaster für die Reiseapotheke, Badelatschen für den Lütten…´ setze ich in Gedanken hinzu.

Das Mode-Monster ist für den Augenblick zufrieden und trollt sich.

Ich kehre Kinderzimmer und Kleiderschrank den Rücken und gehe ins Arbeitszimmer. Auch hier haben die To-Dos sich freundschaftlich bei der Hand genommen und bilden eine schier endlose Kette: Wer von meinen 1000 Kontakten muss wissen, dass, wann und für wie lang ich im Urlaub bin? Welche Schreiben müssen dringend noch vor dem Urlaub `raus; was kann ich schieben? Und bloß keine Wiedervorlagen, die in den Urlaub fallen, checken! Und den Fristenkalender durchsehen, unbedingt! Und den netten Damen von der Poststelle sagen, dass ich weg bin. Damit das Postfach nicht überquillt. Und den Anrufbeantworter neu besprechen, aber erst kurz vor der Abreise.

Ich habe Sorge, das alles zu vergessen und schnappe mir Zettel und Stift. Ja, ich mache das noch ganz altmodisch – nicht mit Siri oder Alexa oder irgendeiner anderen elektronischen Hirnhilfe. Aufschreiben, machen, durchstreichen. Das hat etwas durchaus Befriedigendes.

Nur leider scheitere ich heute bereits am Aufschreiben.

„Maaama, hallooo!“, tönt es von der Haustür.

Meine Männer kommen nach Hause. Ich begrüße zunächst den kleineren der beiden, der mir einen saftigen Schmatz auf die Wange drückt, und wende mich dann meinem Mann für ein ebenso herzliches, aber weniger nasses Hallo zu.

`Wenn ich nachher den Koffer für den Lütten packe, geht das schnell´, denke ich. Bei meinem Sohn müssen die Klamotten nicht hip sein, nur bequem, blau oder grün oder mit Dinos drauf. Es kann so schön einfach sein…

„Mama, in der Klasse haben wir Läuse.“, schallt es aus dem Bad. „Wir haben einen Zettel mitbekommen. Guckst du bei mir mal?“

Es könnte… Konjunktiv. Mit einem resignierten Seufzer notiere ich im Geiste eine Vorsorge-Kopfwäsche für alle vier.

Den Rest des Tages stehen berufliche Telefonate und Termine an und jede Menge Korrespondenz. Ich hetze hierhin und dorthin, vergeude gefühlte Stunden in Telefon-Warteschleifen von Behörden und Unternehmen und tippe mir davor, dazwischen und danach die Fingerkuppen wund.

Die To-Do-Liste lümmelt sich derweil gelangweilt auf der Kommode herum und bleibt jungfräulich weiß. Erst beim Abendessen schaffe ich es, zwischen Käsestulle und Tee ein paar Aufgaben zu notieren.

`Den Rest dann nach dem Zubettbringen´, nehme ich mir vor.

Die große Kleine zieht ihr Abendprogramm schon seit einiger Zeit sehr selbstständig durch und begnügt sich mit einem Gutenacht-Kuss. Der kleine Kleine hingegen möchte noch etwas vorgelesen bekommen und dies und das besprechen, z.B. was nach dem Tod kommt, warum in so vielen Ländern Krieg herrscht und andere unkomplizierte Sachverhalte. Danach soll ich „bitte bitte bitte“ noch bleiben, bis er eingeschlafen ist. Nach zehn Minuten versuche ich das erste Mal, mich aus dem Zimmer zu schleichen. Eine kleine Hand krallt sich sanft aber bestimmt in meinen Arm. Mein zweiter Versuch, das Zimmer zu verlassen, scheitert daran, dass ich eingeschlafen bin.

Mitten in der Nacht wache ich auf. Ich liege halb auf dem Bett meines Sohnes, halb auf dem Fußboden. Geweckt hat mich ein Traum, in dem ich irgendwelche Treppen ohne Geländer erklimmen musste, um zu meinem auf einer aberwitzig hohen, hin- und her schwingenden Plattform stehenden Schreibtisch zu gelangen. Ambitionierte Traumdeuter können mir ihre Ergebnisse gern zukommen lassen. Ich habe da aber auch schon selbst ein paar Ideen…

Verknüllt schlurfe ich ins Bad, putze mir die Zähne, ziehe mich um und mache mich auf den Weg ins eigene Bett.

`Nächstes Jahr werde ich mir rechtzeitig Urlaub nehmen, um in Ruhe den Urlaub zu planen´, denke ich und schlafe ein.

Rechtsanwälte Maess | Heller | Schlenzka

Text: Rechtsanwältin Melanie Wieprecht